„Die Demokratie ist wie ein Garten, den man hegen und pflegen muss.“

Westerburg. Wie viel der „kleine Mut der kleinen Leute“ im günstigen Falle bewegen kann und dass es dafür weniger der Bildung als vor allem der inneren Überzeugung bedarf, veranschaulichte der Publizist Christian Nürnberger den rund 250 Schülerinnen und Schülern der neunten und zehnten Klassen des Konrad-Adenauer-Gymnasiums anhand zahlreicher Beispiele aus seinem Buch „Mutige Menschen“. Die Veranstaltung, die auf Initiative von Heinz Fischer und Walter Eggert zustandekam, wurde von Thorsten Mehlfeldt organisiert und von der Schulleiterin Ute Klapthor eingeleitet.

Mit persönlichen Erinnerungen an seine Kindheit in der frühen Nachkriegszeit, als „die ungeheuerlichsten zwölf Jahre, die es jemals auf deutschem Boden gegeben hat“ allgemein totgeschwiegen wurden, ihr Geist jedoch noch überall virulent war, weckte der Autor das Interesse der Zuhörer. Er erzählte von der Lebensgeschichte seines Vaters. Der Vater, ursprünglich ein Sozialdemokrat, war der Verführung der nationalsozialistischen Ideologie erlegen und dem „Führer“ beim Massenaufmarsch auf dem Reichsparteitag so nahe gekommen, dass er ihn erschießen und damit vielleicht das Leben von 55 Millionen Menschen hätte retten können, freilich unter Preisgabe seines eigenen. Warum hatte der Vater nicht geschossen? Nicht allein aus Todesangst, sondern weil er, wie die Mehrheit der Deutschen damals, dafür keine Notwendigkeit sah. „Die Persönlichkeit, die er hätte sein müssen, um das Gewehr auf Hitler zu richten, war er nicht“, lautet Nürnbergers Resumé. Aber könne man ihn dafür anklagen, hätte man selbst anders gehandelt? 

Für solchen Todesmut, wie ihn die Geschwister Scholl, Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Oskar Schindler oder Dietrich Bonhoeffer bewiesen, die als Beispiele von den Schülern genannt wurden, brauche es starke Ausnahmepersönlichkeiten. Der Durchschnittsmensch sei von Natur aus feige. Daraus jedoch ein „Menschenrecht auf Feigheit“ abzuleiten, wie in jüngster Vergangenheit durch einen ehemaligen Stasi-Spitzel geschehen, sei eine Lüge und gedankenloses Mitläufertum die beste Basis für Diktatoren. Menschsein im eigentlichen Sinne beginnt nach Nürnbergers Auffassung dort, wo wir uns unserer Natur widersetzen. Die natürliche Angst kann überwunden, Mut kann gelernt werden. Keiner der Menschen, die in seinem Buch versammelt sind, sei von Geburt an mutig gewesen, alle hätten sich erst in einem schrittweisen Prozess in mutige Menschen verwandelt. Als Beispiele führte Nürnberger unter anderen Martin Luther, der die mächtige Institution der katholischen Kirche erfolgreich herausforderte, Mahatma Gandhi, Nelson Mandela oder auch die Afroamerikanerin Rosa Parkes an. Rosa Parkes wagte es nach zwölf Jahren allmählicher Bewusstseinsbildung schließlich, sich den Regeln der Rassendiskriminierung zu widersetzen und brachte damit die amerikanische Bürgerrechtsbewegung in Gang.

An dem einfachen Tischler Johann Georg Elser, der im November 1939 in einer Einzelaktion vergeblich versuchte, Adolf Hitler zu töten, verdeutlichte der Autor seine Überzeugung, dass es für wirklichen Menschenmut mehr auf die unverrückbaren inneren Werte ankommt als auf den Bildungsgrad. Nicht nur Persönlichkeiten vergangener Zeiten, auch Menschen der Jetztzeit wie Bärbel Bohley, Mitbegründerin des Neuen Forums in der DDR, die ermordete russische Journalistin Anna Politkowskaja oder die kenianische Umweltaktivistin Wangari Maathai sollten uns in dieser Hinsicht Vorbilder sein. Nürnbergers Appell an die Schülerinnen und Schüler lautete daher, in kleinen alltäglichen Situationen Zivilcourage zu zeigen und politisch aktiv zu werden. Besonders am Herzen lag dem Autor, angesichts bekannter Casting- und Reality-Shows, dass junge Menschen sich der eigenen Würde und des eigenen Stolzes bewusst sind und sie nicht für einen vermeintlichen Erfolg verkaufen. Unsere Verfassung, so Nürnberger, ist eine „Kostbarkeit“. Frieden, Freiheit, Demokratie, wie wir sie heute genießen, sind keine Selbstverständlichkeiten, sie mussten hart erkämpft werden. Damit sie uns erhalten bleiben, sollte sich jeder Mensch verantwortlich fühlen für „das, was alle angeht“.