„Mit’m Kopp im Westen, mit dem Hintern im Osten“

Zeitzeuge Jörg Hildebrandt füllte bei seinem Vortrag am Konrad-Adenauer-Gymnasium das Geschichtsdatum „13. August 1961“ mit Leben

Westerburg: Die Oberstufenschülerinnen und -schüler des Konrad-Adenauer-Gymnasiums hatten am 23. August die einmalige Gelegenheit, aus der Perspektive eines selbst Betroffenen zu erfahren, wie es zum Bau der Berliner Mauer kam und wie die Menschen in Ostberlin diese Geschehnisse wahrnahmen und verarbeiteten

Im Hintergrund ein Photo der Bernauer Straße aus dem Jahre 1961 – man erkennt die zugemauerten Fenster und Türen des Hauses Bernauer Straße 2, in der Hildebrandts spätere Ehefrau, die 2001 verstorbene Politikerin Regine Hildebrandt, aufwuchs, daneben sein eigenes Wohnhaus – links im Bild die Versöhnungskirche, an der sein Vater damals noch Gemeindepfarrer war – davor die neu errichtete Mauer – in Großbuchstaben darauf die Worte: „IN TYRANNOS“, seit der Spätantike Inbegriff der illegitimen Machtausübung, der Gewaltherrschaft. Wir Zuhörer/innen sitzen sozusagen im Westen, während Jörg Hildebrandt anschaulich vorführt, was es bedeutete, in dieser „Schicksalsstraße“ großzuwerden.

Jörg Hildebrandt machte deutlich, wie man als Bewohner der Bernauer Straße Ost bereits im Verlauf der 50er Jahre den künstlichen Schnitt, mit dem der sowjetische Sektor vom Rest der Stadt mehr und mehr abgetrennt wurde, im Alltagleben zu spüren bekam. So wurden z.B. schon 1951 Eltern durch Androhung des Entzugs von Lebensmittelmarken gezwungen, ihre Kinder von ihrer Schule im französischen Sektor an eine Ostberliner Schule wechseln zu lassen. Oder die grotesk anmutenden Umwege, die man als Anwohner dieses Straßenzugs machen musste, wenn man im Laden um die Ecke einkaufen wollte, der plötzlich auf direktem Wege nicht mehr zu erreichen war. Das Ausrollen des Stacheldrahts am 13. August 1961 erschien somit als Höhepunkt einer Entwicklung und als Ohnmachts-Akt eines „diktatorischen Regimes, das aus eigener Kraft nicht regieren konnte“, das die Massenflucht seiner Bürger (3 Mio. in der Zeit von 1949–1961) nicht anders als  mit Gewalt zu verhindern wusste. Die zunehmende Aushöhlung der ursprünglich in der DDR-Verfassung angelegten demokratischen Strukturen (durch Inhaftierung politischer Gegner, Pressezensur, Entzug der Reisefreiheit bis hin zur Selbsternennung Walter Ulbrichts zum Staatsratsvorsitzenden der DDR 1960) veranschaulichte der Zeitzeuge eindrucksvoll an weiteren Aufnahmen der Straße aus den Folgejahren, die den Ausbau der Gewaltherrschaft sichtbar machten, wie zuletzt der Sprengung der Versöhnungskirche im Jahre 1985, die den Bewachern ein freies Sicht- und Schussfeld verschaffen sollte.

„Hier hast du dich einmauern lassen. Das hätte ich nicht mit mir machen lassen.“ – Diesen Ausspruch seines Enkels nahm Hildebrandt als Aufhänger, nach den Gründen seines Bleibens zu fragen. In den ersten Tagen habe man noch nicht wahrhaben wollen, dass eine Stadt auf lange Zeit hermetisch abgeriegelt werden könnte. Spätestens nach der Rede des amerikanischen Vizepräsidenten Lyndon B. Johnson vor dem Rathaus Schöneberg am 19.8.1961, die er selbst mit anhörte, sei ihm jedoch klar gewesen, dass „wir im Osten aufgegeben waren“ und dass eine Wiedervereinigung nur von Osten aus möglich sein würde, weil „der Westen [...] sich selbst“ genügte. Er hätte noch fliehen können. Aber mit Regine sei er sich damals einig gewesen: „Wir wollen hier bleiben, versuchen, was draus zu machen.“ – eine Entscheidung, die er später nie bedauert habe, obwohl sie für ihn den Abbruch des Studiums an der FU und für jeden DDR-Bürger, der sich dem Regime nicht einfach anpassen wollte, berufliche Nachteile bedeutete. Es sei ein herausforderndes Leben gewesen, das einen auch politisch wachgehalten habe. Ein Widerstand der „kleinen Schritte“ sei möglich gewesen. So verweigerte Hildebrandt den Dienst in der NVA und verbrachte 1965 ein halbes Jahr in Gefängnis und Straflager, weil er sich als Bausoldat im Wehrersatzdienst geweigert hatte, militärische Aufgaben auszuführen. Die spannenden Einblicke in das Geschehen gaben Anlass zu konkreten Nachfragen der Schülerinnen und Schüler, die sich über die Ereignisse des August 1961 hinaus auch für Hildebrandts Wahrnehmung des Mauerfalls im Herbst 1989 interessierten.

Das Zustandekommen der Veranstaltung, die von Frank Baran organisiert und moderiert wurde, ist der Vermittlung von Christoph Kloft (Mitherausgeber des Sammelbandes „Der Mauerfall. 20 Jahre danach“) sowie der finanziellen Förderung durch die Geschichts- und Kulturwerkstatt Westerwald (Vorsitzender: Dr. Uli Jungbluth) und das Immobilienbüro Linden zu verdanken.

Weitere Bilder