Die unverfälschte Geschichte von Schindlers Liste

Prof. Erika Rosenberg (Buenos Aires) stellte Schülern und Schülerinnen des Konrad−Adenauer−Gymnasiums die Ergebnisse ihrer Forschung vor

Westerburg. Die Geschichte von „Schindlers Liste“ ist für die meisten von uns untrennbar verbunden mit Steven Spielbergs gleichnamigem Film. Er wurde mit zahlreichen Filmpreisen – u.a. sieben Oscars – ausgezeichnet und brachte dem Regisseur viele internationale Ehrungen ein.

Die Erfolgsgeschichte des Films ist aber, so lautete die These von Erika Rosenberg, mit einigen sehr unrühmlichen Flecken behaftet. Dies war auch ein Hauptthema des Vortrags. Rosenberg zeichnete das Leben von zwei mutigen Menschen, Oskar und Emilie Schindler, nach, die für die Rettung anderer Besitz und Leben auf’s Spiel gesetzt hatten, um dann in ihren letzten Lebensjahren bzw. –jahrzehnten eine ärmliche Existenz zu fristen, – währenddessen die Vermarktung ihrer Geschichte der Produktionsfirma Universal weltweit 321 Millionen Dollar einspielte.
Der Begriff „Schindlers Liste“ steht für die Rettung von 1.200 Menschen jüdischer Herkunft aus dem Konzentrationslager Plaszow nahe Krakau. Rosenberg schilderte die familiären Ursprünge der Schindlers im altösterreichischen Mähren, ihre gegensätzlichen Charaktere und die besonderen Umstände, die es Oskar Schindler überhaupt möglich machten, so vielen jüdischen Menschen das Leben zu retten. Da er sich 1935 als Abwehroffizier bei der Spionageabwehr des Deutschen Reiches unter Admiral Wilhelm Canaris verdingt hatte, konnte er nicht nur in dessen Auftrag eine aus jüdischem Besitz stammende Emailwarenfabrik in Krakau wie auch später gegen Kriegsende eine weitere Rüstungsfabrik im heutigen Tschechien erwerben. Seine Verbindungen reichten so weit, dass er es schaffte, die ihm als Arbeitskräfte zugewiesenen KZ−Häftlinge in der Fabrik zu kasernieren und sie damit vor dem Zugriff des berüchtigten KZ−Kommandanten Amon Göth zu bewahren. Durch unternehmerisches Geschick brachte Schindler für die Rettung dieser Menschen insgesamt 2.640.000 Reichsmark (heute umgerechnet rund 26 Millionen Euro) auf.

Oskar Schindler war aber nicht allein. Für die Beschaffung von Medikamenten und Lebensmitteln war seine Frau Emilie zuständig und sie führte zudem eigenständig die Rettung eines Transports mit 120 Juden durch. Während Oskar Schindler immerhin nach seiner Rückkehr aus Argentinien 1963 mit dem Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet wurde, blieb Emilie zeitlebens eine „unbesungene Heldin“. Ihr Anteil an dem Geschehen wurde, so Rosenberg, in Spielbergs Film bewusst und aus recht unedlen Motiven herausgehalten, da man der Witwe schlicht keine Tantiemen zahlen wollte und deshalb ihre Existenz ignorierte. Folgt man Rosenbergs Ausführungen, basiert die Verfilmung nämlich indirekt auf einem von Oskar Schindler selbst geschriebenen Drehbuch, das Anfang der 60er Jahre − mit Romy Schneider und Richard Burton in den Hauptrollen – gedreht werden sollte, dessen Realisierung aber nicht zustande kam.
Erika Rosenbergs Erkenntnisse stützen sich auf etwa 70 Stunden Interviewmaterial mit Emilie Schindler sowie eigene Recherchen in diversen Militärarchiven. Für ihren Vortrag wählte sie eine gelungene Mischung aus freiem Erzählen, der Lesung von Interviewpassagen sowie der Präsentation von Bildern, historischen Fakten und Dokumenten, die sie weitgehend unkommentiert auf die Zuhörer und Zuhörerinnen wirken ließ.

Aus Sicht der Schülerinnen und Schüler, denen die Geschichte der „Schindler−Liste“ als solche noch neu war, lag der Fokus der Darstellung sicherlich zu sehr auf der Nachgeschichte. Denjenigen aber, die diese Geschichte schon kannten − und dies in der Regel durch Spielbergs Verfilmung – bot der Vortrag viel Stoff zum Nachdenken. Er machte deutlich, dass man in der Nachkriegszeit auf das beispiellose Unrecht, das in der NS−Zeit an wehrlosen Menschen verübt wurde, noch weiteres Unrecht häufte. Zum einen durch die jahrzehntelange Mauer des Verdrängens und Verschweigens – wobei auch auf Seiten der Opfer vielfach Schweigen herrschte, allerdings aus anderen Gründen. Und vielleicht sogar noch ein weiteres Mal in jüngster Zeit durch die Vereinnahmung und Vermarktung des Themas vonseiten der Kulturindustrie à la Hollywood, für die die realen Menschen hinter der Geschichte, wie der Fall Emilie Schindler zeigt, eigentlich keine Rolle zu spielen scheinen.

In ihrer eindringlichen Vorrede betonte die Sprecherin der Fachschaft Geschichte, Anke Roesel, wie wichtig es ist, sich der allzumenschlichen Fähigkeit des Vergessens zu widersetzen, wenn es darum geht, was im Dritten Reich geschah, und auch die Erinnerung an mutige Taten wachzuhalten. Allein mit andächtigen Mitleidsbekundungen für die 55 Millionen Opfer des Zweiten Weltkriegs ist es allerdings nicht getan. Nötig ist vielmehr eine kritische Selbstreflexion im Hinblick auf den gesellschaftlichen und persönlichen Umgang mit dieser Vergangenheit. Daran sollte uns der bevorstehende Jahrestag der Reichspogromnacht am 9. November erinnern.

Text: ssn, Fotos: met