Geschichte des Konrad-Adenauer-Gymnasiums

Im Jahre 1960 wurde unser "Staatliches Mathematisch-Naturwissenschaftliches Progymnasium - im Aufbau - Westerburg" gegründet.
Damals begann der Unterricht mit 84 Schülerinnen und Schülern. Diese waren vorübergehend im städtischen Schulgebäude untergebracht.
Seit 1965 verfügt die Schule über ein eigenes Gebäude. Im Schuljahr 1965/66 wurden dann auch schon 440 Schülerinnen und Schüler in 12 Klassen unterrichtet.
Am 18.06.1976 wurde unserer Schule im Rahmen einer Feierstunde der Name "Staatliches Konrad-Adenauer-Gymnasium Westerburg" verliehen.

Gymnasium Westerburg 1960 - 1980 Vorgeschichte: "Bildungsnotstand!"

"67000 Einwohner ohne höhere Schule!"  - zweifellos hatte die "Westerwälder Zeitung"recht, wenn sie im August 1958 diese Schlagzeile mit dem Untertitel versah: "Erhebliche Nachteile für die Bevölkerung des Oberwesterwaldkreises". Schon seit Jahrzehnten standen zu jener Zeit der Oberwesterwälder Jugend zwar drei städtische Realschulen offen;
der Zugang zum Hochschulstudium, der die Reifeprüfung an einem Gymnasium voraussetzt, war ihr jedoch weitgehend verschlossen. Die nächsten öffentlichen Gymnasien nämlich lagen alle außerhalb des Kreises, und neun Jahre lang täglich zum Schulbesuch nach Montabaur, Hadamar, Limburg, Altenkirchen, Wissen, Betzdorf oder Herborn zu fahren, das war von den meisten Ortschaften aus nicht nur unzumutbar, es war verkehrsmäßig geradezu unmöglich. Auch die private Zisterzienser-Abtei Marienstatt stellte diesbezüglich keine Hilfe dar; sie führte damals - wie die Realschulen - auch nur zur mittleren Reife und unterrichtete überdies fast nur katholische Jungen, die in ihrem Internat untergebracht waren.


Einen echten "Bildungsnotstand" also galt es hier zu beheben; und schon bald nach der Bewältigung der ersten Kriegsfolgen wurde dementsprechend von den verantwortlichen Persönlichkeiten und Gremien der Oberwesterwälder Bevölkerung die Einrichtung einer staatlichen höheren Schule in ihrem Kreisgebiet immer lauter und nachdrücklicher gefordert. Das demokratische Gebot, allen Bürgern gleiche Bildungschancen zu bieten, verhalf diesem Ruf bei der Landesregierung in Mainz auch ziemlich schnell zu einem positiven Echo. Als Vorbedingung für eine endgültige Zusage verlangte man dort allerdings erst einen Vorschlag des Kreistages über den Standort der beantragten Schule. Für die politischen Vertreter des weiträumigen Oberwesterwaldkreises mit drei etwa gleich großen Städten war damit ein heikles Problem aufgeworfen. Kein Wunder deshalb, wenn der Presseberichterstatter die entsprechende Sitzung des Kreistages am 27. Okt. 1958 als die "aufregendste und schwerwiegendste" seit dessen Bestehen bezeichnete. Nicht weniger als vier Wahlgänge waren erforderlich, bis in hartem Kopf-an-Kopf-Rennen die Entscheidung zugunsten der Kreisstadt fiel. Unverzüglich wurden nun die wichtigsten Vorbereitungsmaßnahmen getroffen, und am 1. April 1960 war es dann endlich soweit: die neue Schule konnte ihren Unterrichtsbetrieb aufnehmen - zunächst unter der Bezeichnung "Staatliches Mathematisch-Naturwissenschaftliches Progymnasium - im Aufbau - Westerburg", provisorisch als Gast untergebracht zusätzlich zur Volks- und zur Realschule (die bis 1965 vorübergehend keine Schüler mehr aufnahm) im einzigen städtischen Schulgebäude.


Progymnasium in Behelfsunterkünften
Daß das Bedürfnis nach dieser Schule noch größer war als erwartet, zeigten schon die überraschend zahlreichen ersten Schüleranmeldungen. Gleich zwei Anfangsklassen mit insgesamt 84 Jungen und Mädchen mußten eingerichtet werden. Nicht wenige kritisch-skeptische Beobachter der Schulneugründung betrachteten diese hohe erste Anmeldezahl allerdings nur als ein Strohfeuer, doppelt geschürt durch den aufgestauten einmaligen Nachholbedarf wie durch den Reiz des Neuen. Ihre Prognose erwies sich jedoch als irrig. Obwohl die unvermeidlichen Auslesemaßnahmen in den Anfangsklassen zunächst teilweise - weil ungewohnt - abschreckend wirkten, nahm die Schülerzahl kontinuierlich so zu, daß die Schule in jedem Jahr um zwei weitere Klassen wuchs. Nach nur fünf Jahren, als zu Anfang des Schuljahres 1965/66 mit der Eröffnung der ersten beiden Klassen 10 der erste Aufbauabschnitt der Schule - der Aufbau zum ausgebauten Progymnasium - abgeschlossen war, zählte die Schule infolgedessen bereits 12 Klassen mit 440 Schülerinnen und Schülern aus einem Einzugsbereich von 84 Ortschaften (schon nach weiteren 2 Jahren aus 100 Ortschaften).
So erfreulich dieses unerwartet schnelle Wachstum der jungen Schule einerseits auch war, so schwierig gestaltete sich andererseits die Bewältigung der daraus resultierenden organisatorischen Probleme, ganz besonders der Raumfrage. Man hatte eben, zumindest in den ersten Jahren, mit jeweils nur einer Jahrgangsklasse gerechnet und deshalb auch gemeint, bis zur Fertigstellung ihres bald projektierten Neubaus werde die neue Schule behelfsmäßig schon noch mit unterzubringen sein in dem Gebäude der Volks- und Realschule. Mit den überraschenderweise jährlich gleich zwei neuen Klassen war dies jedoch, selbst unter Heranziehung der letzten abgeschrägten Dachgeschoßräume, ja sogar eines Zimmers im Rathaus, lediglich 3 Jahre lang möglich. Danach - zum Schuljahresbeginn 1962 - blieb dem Kreis kein anderer Ausweg mehr als die eilige Erstellung von Behelfsunterkünften in Form von hölzernen Schul-"Pavillons" (die übrigens später jahrelang auch der Berufs- und der Realschule noch als Nothelfer dienten).
Was Lehrer und Schüler während dieser "Pionierzeit" auf sich zu nehmen hatten, wird ihnen gewiß unvergeßlich bleiben. Alles spielte sich in den Klassenzimmern ab: da wurde nicht nur gelesen, geschrieben und gerechnet, da wurde auch gesungen und musiziert, gemalt und gewerkt, genäht und gehäkelt, mikroskopiert und experimentiert, ja nach Verdunklung der Fenster mit billigen Wolldecken von Neckermann wurden da auch Diapositive und Filme betrachtet. Lediglich einen höchst primitiven Fachraum gab es: für Höhere und Mittelschule gemeinsam - kombiniert für Physik und Chemie. Für die Leibesübungen zog man an Schlechtwettertagen in die gemietete städtische Turnhalle, in der oft erst noch das Gestühl von der Theateraufführung am Vorabend beiseite geräumt werden mußte; und bei gutem Wetter tummelte man sich auf dem davorliegenden Parkplatz, immer ängstlich (wenngleich auch nicht immer erfolgreich) darauf bedacht, an den dort abgestellten Kraftfahrzeugen mit dem Ball keinen Blech- oder Glasschaden anzurichten. Die Lehrer frühstückten in den Pausen und konferierten am Nachmittag zusammengepfercht im winzigen Umkleidezimmer vor der zum Abstellraum umfunktionierten Duschanlage im Kellergeschoß, die Pausentoiletten mit ihren würzigen Düften in der "Zentrale" des ganzen "Betriebes" saß oben, ganz oben in einem schrägwinkligen Dachbodenzimmer. Sekretariat, Elternsprech- und Arztzimmer, Büchereiraum für Lehrer und Schüler, Lehrmittelraum für nahezu alle Fächer - alles friedlich vereint zwischen denselben vier Wänden und dazu, in einer nur künstlich beleuchteten Ecke, schließlich auch noch der Direktor. So vollgestopft war dieses Zimmer, daß die Sekretärin kaum wußte, wie sie die vielspaltige Schulgeld-Hebeliste aufschlagen sollte. Ja, Schulgeld - 20 DM monatlich für jeden Schüler - das wurde damals noch allgemein erhoben, auf Antrag allerdings auch ermäßigt oder ganz erlassen. Vieles, vieles andere noch aus jenen frühen Jahren wäre sicherlich erwähnenswert: wie beispielsweise das Kollegium zeitweilig weit mehr nebenamtliche und nebenberufliche Kräfte zählte als hauptamtliche Mitglieder - Kollegen aus dem Volks-, dem Real- und dem Berufsschuldienst, Geistliche beider Konfessionen, Pensionäre, mit denen allzeit bestens zusammengearbeitet wurde. Wie verklärt diese Anfangsjahre rückblickend jetzt vielleicht auch manchem erscheinen mögen, es war eine sehr harte und entbehrungsreiche Zeit für alle Beteiligten, und immer ungeduldiger wurde von ihnen vor allem gefragt: "Wann endlich nur wird denn der Neubau bezugsfertig?"


Im eigenen Haus zur ersten Reifeprüfung
Nach den Sommerferien 1965 war es endlich soweit: In einem denkwürdigen Festakt wurde der Schule ihre neu erstellte Gebäudeanlage übergeben. An der Spitze der zahlreichen Ehrengäste stand Staatsminister Dr. Eduard Orth, der damalige Minister für Unterricht und Kultus des Landes Rheinland-Pfalz. Die fünfjährige Wartezeit bis zu diesem Zeitpunkt stellte sich jetzt als lohnend heraus. Die engagierte Zusammenarbeit aller Beteiligten, v.a. des Oberwesterwaldkreises als dem Bauherrn, des Kölner Diplom-Ingenieurs Edmund Zens als dem planenden Architekten und nicht zuletzt auch der Schulleitung als dem künftigen Hausherrn, hatte ein Bauwerk ergeben, in dem die finanziellen, architektonisch-bautechnischen und v.a. auch die pädagogisch-schulpraktischen Belange so glücklich aufeinander abgestimmt waren, daß es vom Minister in seiner Festrede mit gutem Recht als "vorbildlich" bezeichnet werden konnte. Was die riesige Besucherschar an den ersten "Tagen der offenen Tür" am meisten beeindruckte, war neben der Weitläufigkeit der 140 Räume umfassenden Gebäudeanlage besonders dreierlei: zunächst die als vielfältig nutzbares Kommunikationszentrum sehr gelungen in den Gesamtkomplex hineinkomponierte Halle (u.a. ausgestattet mit beweglicher Bühneneinrichtung); sodann der Turnhalle, Gymnastikraum und Schwimmbad umfassende Sporttrakt (mit einem der ersten höhenverstellbaren Schwimmbeckenböden); endlich die sehr großzügige Ausstattung der Schule mit den neuesten Lehr- und Unterrichtsmitteln. Alles in allem: mit dieser neuen Arbeitsstätte erhielt die junge Schule eine solide Basis für eine fruchtbare weitere Entwicklung.
Der nächste große Schritt in dieser Entwicklung ließ auch gar nicht lange auf sich warten. Nur ein gutes halbes Jahr nach dem Neubaubezug, als die ersten Schüler mit dem Versetzungszeugnis nach Obersekunda (Kl. 11) auch die mittlere Reife zuerkannt bekommen hatten, begann sogleich der zweite Aufbauabschnitt der Schule, der Aufbau zur Vollanstalt. Schon bei der im Jahre 1962 fälligen Festsetzung der an der Schule gelehrten zweiten Fremdsprache (wahlweise Lateinisch oder Französisch) hatte die Elternschaft beim Kultusministerium den Wunsch vorgetragen, die künftige Oberstufe nach Möglichkeit aufzugabeln in einen naturwissenschaftlichen und einen sprachlichen Zweig. Diesem Wunsche wurde nun auch entsprochen. Vom 1. April 1966 an führte demgemäß die Schule die Bezeichnung: "Staatliches Neusprachliches und Mathematisch-Naturwissenschaftliches Gymnasium - im Aufbau Westerburg/Westerwald".
Leider konnte sich der Aufbau der Oberstufe bei weitem nicht in jener Ruhe vollziehen, die nach den reichlich turbulenten Anfangsjahren von Lehrern wie Schülern für ein jetzt möglichst ungestörtes Lehren und Lernen erhofft worden war. Dreierlei störte diese ersehnte Ruhe empfindlich. Einmal führte die in der ganzen Bundesrepublik während der Mittsechzigerjahre verstärkt betriebene "Bildungswerbung" im Verein mit der generellen Einrichtung einer zweijährigen Eingangsstufe an den weiterführenden Schulen zu einem so sprunghaften Anstieg der Schülerzugänge, daß ab 1966 die Schule statt der bisher jeweils nur zwei jetzt jährlich drei Anfangsklassen einrichten mußte. Zum anderen führte gerade diese rapide Vermehrung der Schülerzahlen an den Gymnasien in den Folgejahren bundesweit zu einem immer empfindlicheren Lehrermangel. Und schließlich wurde eine ruhige Schularbeit damals ganz allgemein gestört durch die von den Kultusministern kurzfristig beschlossene Verlegung des Schuljahresbeginns vom Frühjahr auf den Sommer. Die dazu eingerichteten zwei Kurzschuljahre (April bis Nov. 66 und Dez. 66 bis Juli 67) hatten zur Folge, daß der Schule für ihren Endaufbau fast ein ganzes Jahr weniger Zeit zur Verfügung stand. Mit der Einrichtung der beiden ersten Oberprimen war dieser nun schon im August 1967 abgeschlossen.

Trotz des großen Zeitdruckes, unter dem der Oberstufenaufbau vollzogen werden mußte, ließ es sich die Schule nicht nehmen, den Wegfall des Zusatzes "im Aufbau" aus ihrem Namen mit ihrem ersten großen Schulfest zu feiern. Daß ihr bei dieser Gelegenheit vom Landkreis auch noch der bis dahin sehr entbehrte eigene Schulsportplatz übergeben werden konnte, steigerte die Freude. Ihre letzte Krönung erfuhr die Aufbauzeit der jungen Schule aber doch erst neun Monate später. Sie vollzog sich in jener Feierstunde am 15. Juni 1968, die unter dem Motto stand: "Das Staatliche Gymnasium Westerburg entläßt seine ersten Abiturienten." Konnte man es der Schule verargen, wenn sie an diesem Tage stolz darauf war, in Gegenwart zahlreicher Ehrengäste all ihren ersten Prüfungskandidaten das "Zeugnis der Reife" aushändigen zu können? War das nicht zugleich auch eine erste von der Schule selbst bestandene Reifeprüfung?


Im zweiten Jahrzehnt: Erweiterung und Ausbau
Ein Ausruhen auf dem Erreichten gab es für die Schule auch in ihrem zweiten Jahrzehnt nicht. Die bereits erwähnten seit 1967 plötzlich viel zahlreicheren Schülerzugänge führten dazu, daß für die Schule sehr bald nach dem Bezug ihres "großzügigen" Neubaus eine erhebliche räumliche Erweiterung erforderlich wurde. Den entsprechenden Baumaßnahmen kam es sehr zugute, daß man bei ihrer Planung und Durchführung anknüpfen konnte an die schon bei der Errichtung der Hauptgebäude bewährte Zusammenarbeit aller dafür zuständigen Stellen. So gelang denn auch eine bauliche Ergänzung, die sich in die vorhandene Gebäudeanlage nicht nur nahtlos einfügte, sondern diese sogar, sowohl im Außen- als auch im Innenbereich, vorteilhaft abrundete und vervollkommnete (außen z.B. Hauptpausenhof jetzt vollständig umbaut und Sporttrakt dreiseitig von Kleinsportanlagen umrahmt; innen u. a. zwei moderne Sprachlabore, Zentralbücherei mit angegliederten Seminarräumen, teilbarer Mehrzweckraum, als Veranstaltungsraum mittlerer Größe gut geeignete Halle).
Daß der zusätzliche Baukörper den beträchtlichen Umfang von mehr als 50 Räumen annahm, war nicht zuletzt darauf zurückzuführen, daß schon bei seinen ersten Planungen daran gedacht wurde, darin auch die 5. und 6. Klassen der Westerburger Realschule mit unterzubringen. Das geschah nicht nur angesichts des sich auch bei der stark wachsenden Mittelschule abzeichnenden Raummangels, sondern mindestens ebenso sehr im Hinblick darauf, daß man es aus pädagogischen Gründen für sinnvoll erachtete, die künftigen Realschüler und Gymnasiasten nach ihrer Grundschulzeit erst zwei Jahre lang gemeinsam zu unterrichten. Schon beim Bezug des Erweiterungsbaus zum Schuljahresbeginn 1972 wurde dieser Plan auch verwirklicht. Seitdem trägt der Schulname in Klammern den Zusatz "mit gemeinsamer Orientierungsstufe für Gymnasium und Realschule". Nicht weniger als sechs Anfangsklassen waren jetzt gleich zu bilden. Im folgenden Jahre wären es sogar sieben geworden, hätte man die Schülereltern im Raum Rennerod nicht an die dort inzwischen bestehende Realschule verweisen können, deren Eingangsklassen von da an zusätzlich der Westerburger Orientierungsstufe kooperativ angebunden wurden. Auf 900, 1000, 1100, ja fast 1200 wuchs die Schülerzahl nun innerhalb von nur drei Jahren an. Aber ganz unabhängig von dieser Schülerzunahme brachte das mit der Gemeinsamen Orientierungsstufe betretene Neuland ein gerüttelt Maß neuer organisatorischer wie pädagogischer Aufgaben mit sich (z. B. den gemeinsamen Einsatz von Realschul- und Gymnasiallehrern, eine erheblich intensivierte Schülerbeobachtung und Elternberatung u.v.a.m.).
Gleichwohl übernahm die Schule mit der Einführung einer weiteren schulischen Neuerung sehr bald ein noch unvergleichlich umfangreicheres und schwierigeres Aufgabenfeld. Als das Kultusministerium jedem dritten Gymnasium im Lande die Möglichkeit einräumte, sich an einer grundlegenden Neugestaltung der Oberstufe schon zum Schuljahresbeginn 1973 zu beteiligen, meldete sich das für alle zukunftsträchtigen Entwicklungen stets aufgeschlossene Lehrerkollegium unverzüglich als Interessent, allerdings nicht ohne vorheriges Einvernehmen mit den Eltern- und Schülervertretern. Dieses Einverständnis war sehr wichtig. Die Einführung des Modells der "Mainzer Studienstufe" (kurz: MSS) stellte doch eine völlige Umstrukturierung des gesamten Oberstufen-Unterrichts dar, die nicht nur ein außergewöhnliches Engagement der Lehrer forderte, sondern auch den Schülern und ihren Eltern Ungewohntes und Unbequemes abverlangte. Ihr Kernstück, die Ablösung des allgemein verbindlichen Unterrichts im geschlossenen Klassenverband nach festem, einheitlichem Stundenplan durch ein allen Schülern zur Wahl gestelltes Angebot von Grund- und Leistungskursen in den verschiedenen Fächern, hatte z.B. unvermeidbar eine beträchtliche Zahl unterrichtsfreier "Springstunden" und damit Nachmittagsunterricht zur Folge. Und das war keineswegs der einzige "Preis", den das neue Oberstufenmodell kostete. Kein Wunder deshalb, wenn es Jahre dauerte, bis die Schattenseiten dieser Neuerung gegenüber ihren erst allmählich stärker hervortretenden Vorzügen verblaßten.
Die Einführung der Gemeinsamen Orientierungsstufe für die unteren Klassen und der Mainzer Studienstufe für die älteren Jahrgänge: das waren die beiden Schwerpunkte, die die pädagogische Entwicklung der Schule in den Sechzigerjahren bestimmten. Die beiden weiteren wichtigen Änderungen für die Schule in ihrem 2. Jahrzehnt vollzogen sich in einem ganz anderen Bereich, der trotz seiner Bedeutsamkeit von vielen Betrachtern des Schullebens oft fast unbeachtet oder gar unbemerkt bleibt. Es waren beides Änderungen vornehmlich der Trägerschaft der Schule. Die erste ergab sich aus der Kreisreform, durch die im Frühjahr 1974 der Oberwesterwaldkreis aufging in den neuen Westerwaldkeis mit Sitz in Montabaur. Das bedeutete nach den damaligen gesetzlichen Regelungen für die Schule zwar zunächst nur einen Wechsel in der "Baulastträgerschaft" (Kostenträgerschaft für Erstellung und Unterhaltung der erforderlichen Schulgebäude). Da gerade in diesem Punkte sich aber die Schule bei dem alten Oberwesterwaldkreis - mit Sitz am Schulort und mit dem vertrauten und versierten Landrat Heinrich Lingens an der Spitze - als dessen erstes und einziges öffentliches Gymnasium bestens aufgehoben fühlte, war eine anfängliche Skepsis gegenüber dem neuen Baulastträger wohl verständlich. Die zweite Änderung im Verwaltungsbereich war umfassender und tiefgreifender. Sie wurde herbeigeführt durch das neue "Landesgesetz über die Schulen in Rheinland-Pfalz", das zum Jahresbeginn 1975 in Kraft trat und von dem die öffentlichen Gymnasien besonders stark betroffen wurden. Nur für sie nämlich fungierte bis dahin das Land selbst als Schulträger, und nur bei ihnen wurde die Schulaufsicht unmittelbar vom Kultusministerium wahrgenommen. Beide Aufgaben wies das Gesetz nun weitgehend untergeordneten Instanzen zu: die Schulaufsicht der Bezirksregierung und die Schulträgerschaft dem Landkreis, der seitdem nicht mehr nur verantwortlich ist für die Bereitstellung der Gebäudeanlage, sondern auch für die des gesamten sonstigen Sachbedarfs der Schule, ja sogar des Verwaltungs-und Hilfspersonals (nur noch die Kosten für die pädagogischen und technischen Fachkräfte werden jetzt vom Land getragen). So zweckmäßig diese Aufgabenverlagerung nach unten von übergeordneten Gesichtspunkten aus auch sein mochte, für alle davon Betroffenen bedurfte es erst einer geraumen Umstellungszeit, bis man gelernt hatte, sich gegenseitig recht zu verstehen und nicht nur reibungslos, sondern sogar gut zusammenzuarbeiten.
Wie aus dem ersten Jahrzehnt der Schule gäbe es auch aus dem zweiten noch vieles andere darzustellen, sehr verschiedenartige Dinge, von denen als Beispiele hier stichwortartig nur angedeutet seien: die Entlastung der Eltern von höheren Kosten für die Verkehrsmittel und etwas später - zumindest teilweise - auch von denen für die Lernmittel; die Ausdehnung der anfänglich nur Hochschülern gewährten Ausbildungsförderung nach dem entsprechenden Bundesgesetz (BAFÖG) auf die Jahrgangsstufen 11 - 13 der Gymnasien; die Herabsetzung der Volljährigkeitsgrenze unter das Alter von zahlreichen Schülern der Studienstufe; der Einsatz einer inzwischen mehrfach verbesserten Computer-Anlage sowohl für Unterrichtszwecke als auch für zahlreiche Verwaltungsarbeiten; die Einstellung eines vielfältig benötigten technischen Assistenten; die Einführung von zunächst einem, später von zwei unterrichtsfreien Samstagen im Monat; der Bezug des neuen Gebäudes der Haupt- und Realschule in unmittelbarer Nachbarschaft (u. a. erhebliche Wegabkürtzung für die zahlreichen auch in der Gemeinsamen Orientierungsstufe unterrichtenden Realschullehrer); die Anlage eines weiteren Schulparkplatzes zur Verminderung der gefährlichen Verkehrsdichte vor der Schule; die Bildung einer wachsenden Zahl freiwilliger Schülerarbeitsgemeinschaften (Chor, Theater, Foto, Sport u.a.); die Gründung und das inzwischen hilfreiche Wirken des "Vereins der Freunde und Förderer des Gymnasiums Westerburg" ; die zahlreiche und zum Teil außergewöhnlich erfolgreiche Beteiligung von Schülern und Schülergruppen an außerschulischen Wettbewerben verschiedenster Art; der erste Schulleiterwechsel ... usw. ... usf. ... Die hier gebotene Beschränkung erlaubt leider keine näheren Ausführungen zu all diesen und noch mehr Ereignissen und Entwicklungen in den letzten zehn Jahren.
Ein Ereignis freilich aus diesem Jahrzehnt darf in diesem kurzen Abriß der bisherigen Geschichte der Schule gewiß nicht ohne besondere Erwähnung bleiben. Es begann mit einer Riesenüberraschung. Aus einer "Amtlichen Bekanntmachung der Kreisverwaltung des Westerwaldkreises" in der "Westerwälder Zeitung" vom 29.11.1975 erfuhr die Schule, daß für sie eine "Benennung ..... als Konrad-Adenauer-Gymnasium" beantragt war und daß dieser Antrag bereits für die nächste Kreistagssitzung am 15.12.1975 zum Tagesordnungspunkt erklärt war. Eine weitere Überraschung folgte schnell - diesmal allerdings für die Urheber der ersten: eine gewiß unerwartet breite und heftige Welle von Einsprüchen nämlich gegen das Wie, vor allem gegen die überaus kurzfristige Terminierung der beabsichtigten Namensgebung. Gleichwohl stimmte die Mehrheit des Kreistages ohne den vielfältig dringend erbetenen Entscheidungsaufschub dem vorliegenden Antrag zu. Gut zwei Monate später, am 3.3.1976, fand dieser Beschluß auch die Billigung der Bezirksregierung, und noch vor Schluß des laufenden Schuljahres wurde zu einer Feierstunde am 18.6.1976 eingeladen mit dem Wortlaut: "Der Westerwaldkreis gibt dem Gymnasium in Westerburg den Namen STAATLICHES KONRAD-ADENAUER-GYMNASIUM WESTERBURG".
Nach einem im Kunstunterricht entstandenen Schülerentwurf, in Granit gemeißelt von einem Lehrer, steht heute der Name des verdienstvollen ersten Kanzlers unserer Bundesrepublik vor dem Haupteingang der Schule. Es wäre schön, wenn es der Schule gelänge, den ihr anvertrauten Jugendlichen nicht nur diesen Namen einzuprägen, sondern auch etwas von der Bereitschaft seines Trägers zum Einsatz für das Gemeinwohl. Schön wäre es freilich auch, wenn über dem neuen Buchstabenmonument aus Stein die schon über ein Jahrzehnt auf dem Rasen an der Eingangshalle kniende Gestalt aus Bronze nicht geringer geachtet würde (eine kostbare Elternspende, hervorgegangen ebenfalls aus der Kunsterziehung). Der Chronist nämlich - und mit diesem Geständnis möchte er sich verabschieden - hat den kräftigen "Pflanzer" immer verstanden als einen Appell an die Schule, sich zu betrachten als eine Pflanzstätte, an der jungen Menschen verholfen werden soll zur fruchtbaren Entfaltung der ihnen von Gott gegebenen Kräfte.

Martin Heinzel - (ehemaliger Schulleiter des Gymnasiums Westerburg)

Am Anfang war Beton ...

... und Feuer ...

... doch schließlich siegte man ...

... um neuen Gefahren gegenüber zu stehen!

Die Mutigen (1980).

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